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Die neoliberale Katastrophe

Gedanken über den Raubtierkapitalismus, die Hörigkeit der Politik und die Rolle der Medien



Das ZDF "kann Kanzler"

Von verhartzt, 27.03.2009, 15:54

Man sitzt zunächst fassungslos und offenen Mundes vor dem Monitor, bis sich das Entsetzen seinen Weg durch die Gehirnbahnen gesucht hat, denn allmählich erkennt man, dass es keine Satire, keine von Urban Priol und Norbert Schramm inszenierte Lachnummer ist, die sich dem gruselnden Auge bietet: Unter kanzler.zdf.de wird allen Ernstes eine „politische Talentshow“ beworben, die demnächst den Gaumen des Gebührenzahlers bis zum Erbrechen kitzeln soll.

„Ich kann Kanzler!“ prangt es dem geneigten Leser oben auf der Seite entgegen, und schon an dieser Stelle möchte man die Werbeagentur oder den bedauernswerten Freelancer, die/der sich diese Vergewaltigung der deutschen Sprache ausgedacht hat, an die BLÖD-Zeitung verweisen. Aber es wird noch viel, viel besser. Auf den durchgestylten Seiten kann man weiter lesen, dass das ZDF für jene „politische Talentshow“ nach „unverbrauchten Gesichtern mit frischen Ideen“ sucht, die „Lust haben, etwas politisch zu verändern“.

Aha. Zur politischen Veränderung benötigt man also unverbrauchte Gesichter – nicht etwa schlüssige politische Konzepte – sowie lediglich die Lust zur Veränderung. Es ist ein Verdienst des öffentlich-rechtlichen Senders ZDF, uns das endlich einmal klar vor Augen geführt zu haben. Das ZDF weist auch gleich ganz deutlich darauf hin, wie es sich diese Show der politischen Veränderung vorstellt: Die Bewerber sollen „gegen drei andere Kandidaten antreten“ – genau wie das auf VOX und anderen Privatkanälen Lehrstellenbewerber, Wohnungssuchende oder Restaurantbetreiber tun. Es ist eben einzig der Wettbewerb, das Konkurrenzdenken, das zählt – auch beim ZDF.

Hat man an dieser Stelle noch nicht resigniert, sondern weitergeklickt, wird schnell klar, dass das Niveau noch lange nicht den Bodensatz erreicht hat. Auf den nächsten Seiten erfährt man nämlich, dass „jeder politisch interessierte Deutsche im Alter von 18 bis 35 Jahren“ mitmachen darf. – Aha zum Zweiten. Man benötigt also nicht nur ein „unverbrauchtes Gesicht“, sondern soll auch altersmäßig dem Unverbrauchten entsprechen, um „Kanzler“ werden zu können – ganz gemäß der gängigen neoliberalen Wahnvorstellung eines Bewerbers, der so jung (und gesund) wie möglich sein, dabei aber die Erfahrung und das Wissen eines Greises mitbringen soll.

Spätestens an dieser Stelle schlägt man sich die geballte Faust vor den Kopf, sehnt sich nach „Free Rainer“ und schwört sich, beim nächsten Besuch der GEZ-Drückerkolonne dem Individuum vor der Haustür empfindlich in den Magen zu boxen – auch wenn dieser arme Mensch vermutlich von der zuständigen ARGE zu dieser erbärmlichen Tätigkeit gezwungen worden ist.

Was sind das nur für Auswüchse, die im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wuchern? Wie kann es sein, dass ein Sender, der politische Informationen zu liefern hat – gerade JETZT in dieser Zeit des Umbruchs und Niedergangs –, neben Volksmusiksendungen, „Wetten dass“ und anderen Peinlichkeiten nun auch noch im politischen Bereich die Gosse betritt und eine solche perfide Groteske ankündigt?

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